Fabian Rothfuss und Martina Buschle.
Photo: Moritz Schildgen (Gränzbote)Gränzbote, 03.05.08
TUTTLINGEN - Hauptthema in der Alten Festhalle bei der Landesdelegiertenkonferenz der Jungsozialisten (Jusos) dieses Wochenende sind faire Steuern. Aber generell wollen die Jusos dieser Tage Politisches auf sachlicher Ebene behandeln. Über Einzelheiten sprach diese Zeitung im Vorfeld mit dem Juso-Kreisvorsitzenden Fabian Rothfuss und seiner Stellvertreterin Martina Buschle.
Von Moritz Schildgen
Die Juso-Landesdelegiertenkonferenz findet zum ersten Mal in Tuttlingen statt. Welche Bedeutung hat dies für den Kreisverband, wie viele Delegierte erwarten Sie?
Rothfuss: Eine große Bedeutung – es ist das größte Ereignis für den Kreisverband. 147 Delegierte werden erwartet plus Ersatzdelegierte und einige Gäste. Wir wollen damit auch ein Zeichen setzen, dass unser kleiner Kreisverband mit 35 Mitgliedern so eine Veranstaltung stemmen kann. Damit wollen wir sagen: ‚Die SPD ist aktiv – die SPD will mitbestimmen‘. Es ist auch eine Chance, uns zu präsentieren.
Buschle: Dass der Vorstand sich für Tuttlingen entschieden hat, zeigt, dass wir engagiert sind und dass dieses Engagement gewürdigt wird.
Wie sehen Sie die Rolle der Jusos angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen gerade auf dem Land?
Rothfuss: Besagter Mitgliederschwund bei der SPD liegt an der Demographie, nicht an Austritten. Die Zahl der Jusos ist stabil bis steigend. Trotz aller Ergebnisse scheint die Hemmschwelle, sich für SPD oder Jusos zu bekennen oder zu engagieren, auf dem Land höher zu sein.
Buschle: Seit Fabian Rothfuss Kreisvorsitzender ist, geht es aufwärts.
Rothfuss: Es gab keine durchgehende Juso-Aktivität in der Vergangenheit. Diese haben wir wiederbelebt: Wir waren bei der Bundestagswahl aktiv, bei der Landtagswahl, wir haben unsere Kandidaten unterstützt.
Haben Nachwuchspolitiker heute bessere Chancen nachzurücken?
Rothfuss: Also wer uns vorwirft, Karriere machen zu wollen, dem sei gesagt, dass ein SPD-Parteibuch hier in der Region eher hinderlich sein kann.
Die Frage zielte darauf ab, ob bei weniger werdenden Mitgliedern die Chancen und Möglichkeit für den Einzelnen steigen.
Rothfuss: Sicherlich kann man sich mehr einbringen, wenn Leute fehlen. Aber die Zusammenarbeit der Jusos und der SPD ist hier sehr gut – das gibt es so nicht in Baden-Württemberg.
Buschle: Wir sind eine kleine, aber qualitativ hochwertige Gruppe: flexibel, die Jungen werden ernst genommen, und die gute Zusammenarbeit zählt mehr als irgendein Aufsteigen.
Rothfuss: Wir sind keine links- intellektuellen im stillen Kämmerlein, für uns zählt Vernunft.
Was liegt Ihnen denn persönlich am Herzen? Was wird bei der Konferenz der Schwerpunkt sein?
Rothfuss: Naturgemäß, was die Jungen betrifft, also berufliche Bildung, Bildungspolitik allgemein und Hochschulpolitik. Generell die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaates, die Generationssolidarität. Und die Gleichbehandlung von Männern und Frauen, Homosexuellen und Menschen mit Migrationshintergrund. Schwerpunkt der Konferenz sind Steuern: Bundestagsabgeordnete Nicolette Kressel wird zum Thema „faire Steuern“ eine Rede halten und der Juso-Landesvorstand einen Leitantrag einbringen. Wir haben uns den Bundeshaushalt angesehen und beantragen, auf die Schuldenbremse zu treten.
Was verbindet die Jusos, was haben sie gemeinsam?
Buschle: Uns alle verbindet das Engagement, etwas zu bewegen, die Zukunft zu gestalten. Das „bringt-eh-nichts“-Denken ist falsch. Unsere Meinung zählt und ich sehe, dass man was ändern kann. Vieles, was die Jusos schon vor Jahren gefordert haben, dem nimmt sich die SPD jetzt an – beispielsweise das „länger gemeinsam lernen“-Konzept. Wichtig ist es, keine Scheu zu haben.
Wie sind Sie beide zu den Jusos gekommen?
Rothfuss: Ich war als junger Schüler schon politisch aktiv. Die Offenheit und das Neue von Rot-Grün hat mich bewogen, dieses Lager zu wählen.
Buschle: Der Gedanke liegt nahe, dass ich das meines Vaters wegen mache – ich hatte sogar vor, aus Trotz in die CDU einzutreten. Aber diese Entscheidung sollte nicht aus jugendlichem Leichtsinn heraus gefällt werden. Dass ich in die Politik gehe, war von vornherein klar. Ich möchte mich in die Gesellschaft einbringen und unseren Kinder etwas hinterlassen, worauf man stolz sein kann.
Letzte Frage: Brauchen wir ein EU-Arbeitsrecht?
Rothfuss: Vertrauen in die Politik besteht nicht mehr, wenn die EU verbietet, dass die öffentliche Hand Verträge nach Tarif vergibt. Gerade unsere Generation hat eine Riesenchance, Europa zu gestalten. Grundsätzlich haben alle Parteien unterschätzt, wie wichtig Europa ist. Wir müssen von der radikal- marktwirtschaftlichen Ausrichtung wieder zum Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft umschwenken.
Buschle: Nicht nur was Arbeit betrifft, sondern auch unsere Lebensweise.